Deutsche Idyllen, 1997

Plastikeimer, von innen mit verschiedenen Motiven graviert
155 x 150 x 185 cm
   Erster Zephir: Was flatterst du so müßig hier im Rosenbusch? Komm, fliege mit mir ins schattige Tal; dort baden Nymphen sich im Teich.

Zweiter Zephir: Nein ich fliege nicht mit dir. Fliege du zum Teich, umflattere deine Nymphen; ein süßes Geschäft will ich verrichten. Hier kühl´ ich meine Flügel im Rosentau, und sammle liebliche Gerüche.

Erster Zephir: Was ist denn dein Geschäft, das süßer ist, als in die Spiele froher Nymphen sich zu mischen?

Zweiter Zephir: Bald wird ein Mädgen hier den Pfad vorübergehn, schön wie die jüngste der Grazien. Mit einem vollen Korb geht sie bei jedem Morgenrot zu jener Hütte, die dort am Hügel steht; Sieh, die Morgensonne glänzt an ihr bemoostes Dach; dort reichet sie der Armut Trost, und jeden Tages Nahrung; dort wohnt ein Weib, fromm, krank und arm; zwei unschuldvolle Kinder würden hungernd an ihrem Bette weinen, wäre Daphne nicht ihr einzig Trost. Bald wird sie wiederkommen, die schönen Wangen glühend, und Tränen im unschuldvollen Auge; Tränen des Mitleids, und der süßen Freude, der Armut Trost zu sein.
Hier wart ich, hier im Rosenbusch, bis ich sie kommen sehe: Mit dem Geruche der Rosen, und mit kühlen Schwingen flieg ich ihr dann entgegen; dann kühl ich ihre Wangen, und küsse Tränen von ihren Augen. Sieh das ist mein Geschäft.

Erster Zephir: Du rührst mich: Wie süß ist dein Geschäft! Mit dir will ich meine Flügel kühlen, mit dir Gerüche sammeln, mit dir will ich fliegen wenn sie kömmt. Doch sieh, am Weidenbusch herauf kömmt sie daher; schön ist sie wie der Morgen; Unschuld lächelt sanft auf ihren Wangen, voll Anmut ist jede Gebärde. Auf, da ist sie, schwinge deine Flügel; so schöne Wangen hab ich noch nie gekühlt!

Text: Salomon Geßner "Die Zephyre"